Warum tue ICH mir das an?

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Zeit in sich zu gehen und zu resümieren

In der vergangenen Woche hatte ich Jubiläum: Ich war das 11. Mal trainieren. Das heißt: Mein erster Trainingszettel ist voll. Ich habe drei Mal in der Woche trainiert. Ich habe mich drei Mal in der Woche ermahnen lassen, das Dehnen nicht zu vergessen. Ich habe drei Mal in der Woche meine 20 Kilometer auf dem Fahrradergometer runtergerissen. Und ich habe mich drei Mal in der Woche gefragt, warum ich Sport mache und über meine Motivation nachgedacht.

Dabei geht es mir gar nicht darum, meine allgemeinen Ziele zu hinterfragen. Ich glaube, die sind ziemlich universal: Fitter werden will doch eigentlich jeder. Gesünder leben will doch jeder. Besser aussehen will doch jeder, ich glaube z.B. dass der Waschbrettbauch am Strand besser ankommt als der Bierbauch mit dem Bücherregal zu Hause. Außer natürlich bei Bierbauchträgern mit einem schönen Bücherregal zu Hause. Diese ganzen Ziele hatte ich doch schon immer, ich war nur zu bequem. Was ich mich frage ist, wie ich mich jedes einzelne Mal dazu bewege, mich zu bewegen und Sport zu machen. Wahrscheinlich ist die Klärung dieser Frage eine Lebensaufgabe und ihre Lösung nobelpreiswürdig.

Erste Station: das Bücherregal

Finde ich noch

Bierbauchträger mit Bücherregal vs. Waschbrettbauch: Wer gewinnt am Strand?

Die ersten Schritte der Recherche führen mich in die Bücherei von Schleswig. Ich gebe „Motivation“ in die Suchmaske ein: 83 Treffer. 18 der 83 Treffer haben direkt etwas mit den Themen Fitness und Abnehmen zu tun. Das ist mit Abstand die größte Trefferzahl gefolgt vom Abitur-Training und Hunde-Dressur. Da sich auch eine Humboldt-Monographie und Christopher Clarks „Schlafwandler“ unter die Treffer gemogelt haben, ist der bereinigte Fitness-Anteil sogar noch höher. Das beruhigt mich. Motivation und Sport sind ein großes Thema – nicht nur für mich.

Also gucke ich mir die Sport-Regale an. Sie sind witzig. Größer als die Philosophie-Abteilung, aber macht ja auch irgendwie Sinn. Die olympischen Spiele gab es schon, als die ersten vorsokratischen Gedanken sich regten. Sport ist älter als die abendländische Philosophie. Und auch die Buchtitel können sich in ihrer Länge mit Philosophie-Wälzern messen, z.B.: KnuddelFit – Rückbildungsgymnastik mit Baby: Stärkt Rücken, Beine, Bauch und Po – Fördert die kindliche Entwicklung-Macht schnell wieder fit nach der Geburt – Alle Übungen mit Baby.

Drei Bücher leihe ich mir aus: Zwei zum Dehnen, eines zum Laufen. Beim nächsten Ausdauertraining auf dem Ergometer – mit meinen verkümmerten, schlecht gedehnten Bändern kriege ich auf dem Laufband sofort einen Krampf – lese ich ein 130 Seiten starkes Buch zum Thema Laufen für Anfänger, übrigens mit dem Untertitel Spaß haben, abnehmen, dranbleiben. Dranbleiben! 130 Seiten zum Thema Laufen – Sachen gibt es.

Zehn Gründe für den Sport: die Mogelpackung

Zehn gute Gründe für Sport

Zehn gute Gründe für Sport

Danach benutze ich eine bekannte Internet-Suchmaschine. Sie spuckt viele Treffer aus. Und verrät mir auf den ersten Blick, dass es durchschnittlich zehn Gründe gibt, Sport zu machen. Bei Kindern gibt es nur neun, ist ja auch verständlich, die sind noch klein. Bei den Wunderweibern gibt es dafür zwölf, aber die sind ja auch Wunderweiber!

Die aufgeführten Gründe sind aber meistens nicht wirklich das, was ich suche. Vor allem weiß ich das meiste davon und gehe davon aus, dass es jeder weiß. „Sport strafft die Konturen“, „Sport macht Sie attraktiv“ und „Sport macht Sie sexy“ stehen zum Beispiel als drei Punkte auf einer Seite. Geschenkt. Obwohl … viele der Seiten heben hervor, dass das Sexualleben von Sport profitiere, das klingt doch nach was. Oh und mit der Verdauung läuft es auch besser. Aber ansonsten nur Allgemeinplätze. Hilft mir nicht wirklich weiter.

Das Gute liegt doch so nah!

Mein dritte Recherche führt mich dahin, wo ich wohl als erstes hätte nachgucken sollen: auf meinen Trainingszettel. Da sind doch meine Fortschritte protokolliert. Gut, mit Ausnahme der Übungen am Boden und am TRX. Ich mag die Bodenübungen im Fitness-Studio nicht sonderlich, weil ich mich dort den Blicken der anderen so ausgesetzt fühle. Es fühlt sich an wie ein Scheitern vor Publikum. Aber an dieser Abneigung gegen den Boden arbeite ich nun auch. Ich habe mich für den Pilates-Kurs nämlich schon angemeldet, das hat auch was mit Dehnen zu tun, wurde mir gesagt. Und vielleicht kriege ich so ja den Sack oder zumindest das Nasse weg. Ich bin mir noch nicht sicher, welcher Teil schlimmer war. Was verrät mir also mein Trainingszettelchen?

Beim Low Back-Trainer habe ich mich von der 5 auf die 9 hochgearbeitet. Beim Rudern – dem TRX Substitut – habe ich einen Satz von 4 Stufen gemacht. Und die Beinpresse macht mich auch ein wenig stolz. Hier bin ich einige Stufen nach oben gegangen und noch viel besser: Ich merke, ich fühle eine Veränderung in den Oberschenkeln. Beim Ausdauertraining zum Abschluss trainiere ich auch wesentlich intensiver. Natürlich liegt das auch daran, dass ich mich mehr traue. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich schon fitter bin.

Gewogen habe ich mich noch nicht, ich habe nämlich keine Waage zu Hause. Tatsächlich nie gehabt, von einem Flohmarktsfund abgesehen, der allerdings eher ironisch war und sich irgendwie in Luft aufgelöst hat. Schön ist aber – gerade jetzt, wo es warm wird – dass ich beim Lieblings-Eis einkehren kann, mir einen Kaffee, ein Stück Kalten Hund und ein Eis bestelle und nicht an irgendeine Waage oder den Bauchumfang denken muss.

Modern Times

Mein Kollege Thore erzählt immer sehr begeistert, wie er sich richtig auspowert und danach könne er sich zu Hause aufs Sofa legen und einfach entspannen. Die Begeisterung teile ich so noch nicht, meine intrinsische Motivation, also die Freude am Sport selbst, ist noch nicht da. Eine Sache finde ich aber schön am Auspowern, vielleicht kennt Ihr das auch: Man arbeitet jeden Tag ziemlich hart und viel und trotzdem sitzt man an einigen Tagen abends da und fühlt sich unbefriedigt. Man hat tausend Dinge erledigt: einen Facebook-Post gemacht, 3 Kundenanfragen beantwortet, ein Ergometer nachgemessen, dem neuen Kollegen das System erklärt, eine Stunde mit einem Lieferanten telefoniert und 993 Dinge mehr. Und trotzdem hat man nicht das Gefühl, etwas vollbracht oder abgeschlossen zu haben. Vielleicht gehört das ja zur modernen [zur bösen?] Arbeitswelt. Da aber hilft das Auspowern mir. Irgendwie habe ich dann das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Das fühlt sich gut an.

Natürlich finde ich dann doch noch einen Rat in einem Buch: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, lässt ein deutscher Dichter einen Chor singen. Na das klingt doch auch nach was. So eine Erlösung ist doch was Feines. Ich nehme also erst einmal die Erlösung und bemühe mich strebend weiter. Das alles sind also Dinge, die mich antreiben. Wahrscheinlich gibt es noch andere Dinge, ich hoffe, dass ich sie auch noch erfahren werde und dann schreibe ich die ultimative Motivations-Anleitung für Menschen wie mich und alle anderen auch.

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